Das Motto des Jahres 2017.

 

 

 

Im Volkston

 

 

Das Motto unserer diesjährigen Konzertreihe ist auf den ersten Blick klar umrissen, aber was meint dieser Begriff eigentlich genau? Als Charakteranweisung bei Klavierstücken tauchte er zum ersten Mal bei Robert Schumann auf, in seinem „Album für die Jugend“, in „Bilder aus dem Osten“ oder als Titel für die „5 Stücke im Volkston“ für Cello und Klavier. Die Stücke waren für den musikalischen Haus gebrauch gedacht, ein Rückzug in die biedermeierliche Idylle, in die familiäre Geborgenheit der häuslichen Umgebung, was angesichts der schwierigen politischen Verhältnisse um 1850 durchaus verständlich war.

Schon vor Schumann hielten deutsche Maler wie Moritz von Schwind, Adolf von Menzel oder Ludwig Richter das volkstümliche Familienidyll auf vielen Bildern fest und auch Dichter wie z.B. Theodor Storm übertitelten Werke mit „ Im Volkston“. Doch die Gesellschaft befand sich insgesamt schon seit Ende des 18. Jahrhunderts im Umbruch. Das bürgerliche Volk erwachte, es hungerte nicht nur nach Essen, sondern auch nach Bildung. Viele Pädagogen erkannten, wie wichtig es ist, Kinder Kind sein zu lassen, ihre Fantasie in Wort, Bild und Ton zu fördern; ein Ansatz, den die Politik um 1850 noch als staatsgefährdend, ja als atheistisch ansah. Um die gleiche Zeit erwacht aber auch in vielen europäischen Ländern ein ausgeprägter Nationalsinn. Immer mehr Komponisten besinnen sich auf die musikalischen Wurzeln ihres Heimatlandes. Mihail Glinka gilt als „Vater der russischen Musik“, Bedrich Smetana schenkt seiner Nation die erste tschechisch geprägte Oper und er und sein Landsmann Antonin Dvorak pflegen bewusst die nationale Folklore, die böhmischen Volkstänze wie Polka, Furiant u.a.. der polnische Nationalstolz findet in den Polonaisen und Mazurken Chopins seinen Niederschlag und der Norweger Edvard Grieg kündet in schlichten Volksweisen, charakteristischen Tanzrhythmen und speziellen Harmonien von seiner Landschaft, seinen Menschen und ihren Gefühlen. Selbst der Kosmopolit Franz Liszt begeistert sich in seinen 15 Ungarischen Rhapsodien für die alte Volksmusik der Zigeuner, freilich ohne zu erkennen, dass er statt echter Volksmusik nur ein imitiertes „ Kaffeehaus-Surrogat“ kennengelernt hat.

 

 

 

Dagegen beginnt um 1900 der ungarische Komponist Bela Bartok mit umfangreichen Forschungen zum Volkslied, die ihn in ungarische, slowakische, rumänische, serbische und sogar türkische und arabische Territorien führen. Dies bringt den Volksmusiken Ostmitteleuropas und des Balkans weltweite Aufmerksamkeit. Seine Funde setzt er in seinen Werken in einen ausgeprägten und einflussreichen persönlichen Stil um, der nicht Volksmusik imitiert, sondern die Einsichten, die die Schöpfer der Volksmusik hinsichtlich Rhythmus, Melodie und Artikulation musikalischer Gedanken besaßen, in die Praxis einführt.

Die Musik tschechischer, ungarischer und rumänischer Komponisten bildet in unserem diesjährigen Programm einen besonderen Schwerpunkt:

Das junge Notosquartett, gerade wieder mit einem 1. Preis als bestes Klavierquartett beim Internationalen Wettbewerb in Holland ausgezeichnet, eröffnet die Saison Ende Februar mit einer ausschließlich tschechisch inspirierten Matinee. Auch das Atos Trio, das uns vor 3 Jahren mit Werken von Beethoven und Schubert so begeisterte, widmet sich Anfang Mai den böhmischen Meistern. Die charismatische Geigenvirtuosin Tanja Becker-Bender gilt als ausgesprochene Expertin für die Musik Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihre Einspielungen der Violinwerke von Erwin Schulhoff und Bela Bartok werden hochgelobt und so nimmt sie uns Anfang April mit auf die musikalische Reise von Prag nach Budapest. Der vielfach preisgekrönte Cellist Claudio Bohorquez präsentiert Ende September eine äußerst reizvolle Mischung an „Volkstönen“: von deutscher Idylle über märchenhafte Klänge bis zur dunklen nordischen Urkraft ist alles vertreten; herrlichste Kammermusik, auf die ich mich als Klavierpartnerin besonders freue!

 

Zum krönenden Saisonabschluss hören wir das mittlerweile seit über 30 Jahren bestehende, international renommierte Mandelring Quartett, unter anderem mit dem berühmten „Amerikanischen“ Streichquartett von Dvorak. Das Vision String Quartet schlägt im Juni ganz neue Töne an: die vier jungen Männer mischen mit ihren unkonventionellen Konzertprogrammen die Streichquartettszene momentan so richtig auf! Klassisches Erbe im Mix mit Jazz, Rock und Pop; eine packende und explosive Mischung, die nicht nur das jüngere Publikum von den Sitzen reißen wird! Im Oktober, passend zur „Wies’n“, wird’s zünftig: Der bayrische Musikkabarettist, Tubist und ECHO Klassikpreisträger Andreas Martin Hofmeir kommt erneut in den Ständersaal und erzählt uns Teil 2 seiner verrückten Lebensgeschichte! Das Klavier ist nach wie vor das weltweit beliebteste Musikinstrument, ein guter Grund, die MiMiKo-Klaviertage neu ins Leben zu rufen: Vom 28. Juni bis 2. Juli präsentieren wir Klaviermusik aus verschiedenen Ländern, solo oder vierhändig, dargeboten von Künstlern unterschiedlicher Nationen, wobei wir sicher sehr gespannt auf den „persischen Abend“ sein dürfen! Der Schauspieler Erik Roßbander von der Bremer Shakespeare Company hat Heiteres und Hörenswertes rund um die 88 Tasten zu berichten und endlich haben wir auch für die jüngeren Kinder etwas dabei: ein Märchenkonzert, bei dem die Kids auch aktiv mitmachen können! Beim bunt gemischten Schlusskonzert dürfen junge Musiktalente aus der Region zu guter Letzt den Ton angeben!

Verehrtes Publikum, Sie sehen: vielen Völkern wird – ganz in Martin Luthers Sinn – „auf’s Maul geschaut“, so ist „Im Volkston“ ein weit umspanntes Feld! Musik ist für alle da und hat in seiner Vielfalt für jeden etwas zu bieten. In der Musik lag und liegt der wahre Schatz unserer menschlichen Kulturen, es gilt sie zu pflegen, zu erleben, zu bewahren und weiterzugeben!

In diesem Sinne viel Freude bei unseren Konzerten,

Ihre Almut Preuß-Niemeyer

Künstlerische Leiterin